Digitale Nomanden: Arbeiten wo andere Ferien machen

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Von Yvonne von Hunnius

Während in Zürich Nieselregen angesagt ist und das Büro als grösste Aufregung eine neue Kaffeesorte bereithält, könnte der Arbeitsalltag auch ganz anders aussehen: Bei 29 Grad an einem Traumstrand auf Bali mit dem Kunden ein Skype-Telefonat führen. Die Digitalisierung machts möglich. Weltweit leben geschätzt eine halbe Millionen Menschen diesen Traum. Und im besten Fall ist es wie ein perfektes Perpetuum mobile. «Als digitaler Nomade kann ich die Welt entdecken und muss nicht das Gefühl haben, das Geld ginge aus», sagt Lorenz Ramseyer. Von dieser Freiheit hat er 2006 in Peru gekostet und bekommt seitdem nicht genug davon. «Wenn ich es schaffe, von Internetcafés in den Anden aus meine IT-Kunden in der Schweiz zufriedenzustellen, dann geht es von überall aus», dachte er sich und machte die Welt zu seinem Büro. Heute berät Ramseyer unter anderem Unternehmen und angehende digitale Nomaden dabei, was es für dieses Modell braucht. Seine Facebookgruppe «Digitale Nomaden Schweiz» hat über 400 Mitglieder. Wie also gelingt der Sprung am besten?

Kopf und Laptop einpacken
Natürlich kann nicht jeder zum sogenannten Remote-Worker werden. Man darf nicht viel brauchen, um seine Brötchen zu verdienen: Kopf und Laptop bestenfalls. Und das trifft auf alle möglichen Wissensarbeiter zu – auf IT-Fachleute wie Ramseyer, Journalisten, Marketing-Experten und viele andere. Der Klassiker wäre, einen Reiseblog zu betreiben und damit Geld zu verdienen. Doch hier winkt Ramseyer ab. «Das kann funktionieren, doch es gibt schon unzählige gute Reiseblogs. Bis der eigene etwas abwirft, könnte es Jahre dauern.»

Startkapital ist wichtig
Die meisten sind Solopreneure und können ihre digitalen Dienste frei anbieten – ein paar tausend Franken und einen kleinen Kundenstamm bereits im Gepäck, versteht sich. Denn die Akquise neuer Kunden in der Schweiz ist nicht einfach. Diese Erfahrung haben Florian Schindler und Melanie Stocker gemacht, nachdem sie Ende 2016 von Aarau mit einem One-Way-Ticket nach Sri Lanka aufgebrochen waren. Sie mussten sich zu Beginn auf ihr Erspartes verlassen. «Viele potenzielle Kunden hätten grundsätzlich gerne mit uns zusammengearbeitet. Sie waren sich aber doch zu unsicher, ob jemand auf Reisen den gleich guten Job machen kann wie ein in der Schweiz Wohnhafter», sagen sie. Nach den ersten erfolgreichen Web- und Video-Projekten ging es bergauf.

Dabei ist das Abenteuer ohne möglichst viel Arbeitserfahrung und Selbstdisziplin kaum zu stemmen. Ramseyer erklärt: «Man sollte wissen, wie es in Unternehmen läuft, einen gut gepackten Rucksack an Kompetenzen haben.» Das ist gleichzeitig auch eine grosse Motivation für viele, in die Welt zu ziehen: Sich nicht nur in einem Unternehmen in fixen Strukturen die Hörner abzustossen, sondern sein Können neu zu beweisen. Noch viel mehr Menschen würden den Schritt gehen, ist sich Ramseyer sicher, wenn Unternehmen das Modell für Mitarbeitende zuliessen. Doch das wird erst langsam ein Thema.

WLAN wird zum Lebenselixier
Egal, welcher Job von unterwegs gemacht wird: Jeder muss im Internet zuhause sein, sich mit technischen Fragen auskennen und das Zeug zum Improvisationskünstler haben. Wenn die Deadline für ein Projekt verstreicht, weil der digitale Nomade die Cloud-Software nicht versteht, ist er nicht lange ein digitaler Nomade. Und letztlich geht nichts ohne eine gute Internetverbindung. Ramseyer weiss: «Auch, wenn du nichts dafür kannst und die Verbindung einfach instabil ist oder ein Stromausfall eine Skype-Konferenz beendet, du stehst einfach schlecht vorm Kunden da.» Wer sich auskennt, checkt in kein Hotel ein, bevor er die Internetqualität getestet hat. Und auch dann kann es noch zu Problemen kommen. «Ich habe in den USA schon auf der Toilette eines Motels stundenlang Softwaretests gemacht, weil hier schlicht die Verbindung am besten war», sagt Ramseyer.

Thailand und Bali hoch im Kurs
Die Internetgüte ist denn auch zentrales Auswahlkriterium für den Reiseort. So sollte sich wohl nur der auf die Philippinen, nach Nicaragua oder Kuba aufmachen, wer auch offline eine Menge zu tun hat. Auf der Internetseite nomadlist.com kann jeder nach verschiedenen Kriterien wie Sicherheit oder Internetqualität herausfiltern, welches Ziel für ihn geeignet ist.
Momentan ist Bangkok bei Nomaden die beliebteste Stadt, Bali und Thailand generell sind Top-Favoriten – und das dürfte auch an der guten Internet-Infrastruktur liegen. Die beiden Schweizer David Govindasamy und Sabrina Sigg haben im letzten Jahr viel Zeit auf der Thai-Insel Koh Phangan verbracht. Unter anderem, weil das Highspeed-Internet über thailändische Simkarten sogar schneller als in der Schweiz sei, sagen sie. Die beiden betreiben von unterwegs einen Amazon-Shop und reisen sogar mit ihrer vierjährigen Tochter.

Lorenz Ramseyer

Lorenz Ramseyer beschäftigt sich seit 2006 intensiv mit dem ortsunabhängigen Arbeiten. 2014 hat er eine Masterarbeit an der FH Ostschweiz zum Thema «Digitale Nomaden» verfasst. Noch im selben Jahr gründete er die Gruppe «Digitale Nomaden Schweiz», welcher mittlerweile über 400 Mitglieder angehören. Über den Verein #dnch organisiert er regelmässig Mastermind-Meetups mit den Mitgliedern. Als Geschäftsführer von BERGSPITZ media bietet er Beratung und Coaching für ortsunabhängiges Arbeiten an. Presseartikel über ihn sind bereits in diversen CH-Medien erschienen: SRF1, TagesAnzeiger, MigrosMagazin, Substanz, BEKB Magazin und Toxic.fm. Es ist ihm wichtig, die Vorteile des ortsunabhängigen Arbeitens immer wieder selber zu erforschen und über seine Erfahrungen mit der Zukunft der Arbeit zu bloggen.

Ursprünglich zum Lehrer ausgebildet, hat er einige Jahre Erfahrungen als Klassenlehrer und Schulleiter gesammelt, danach in die IT gewechselt, eine Weiterbildung zum Informatik-Projektleiter absolviert und ist seit vielen Jahren als IT-Consultant teilselbständig. Im Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation arbeitet er in einem 40-Prozent-Pensum als Berufsbildner. Lorenz Ramseyer ist 44 Jahre alt, Vater eines Sohnes und wohnt in Kerzers.

Hier und in der Welt Zuhause
Doch nicht alle sind Vollzeit-Nomaden. Gerade in der Schweiz kennt Ramseyer viele, die noch eine Teilzeitanstellung besitzen. Das sei wohl typisch für die vorsichtigen Schweizer, sagt er und meint auch sich selbst: Neben vielen Web-Projekten und seiner Arbeit als IT-Consultant hat er noch ein 40-Prozent-Pensum als Berufsbildner. «Ich rate zumindest am Anfang jedem, nicht gleich den Wohnsitz aufzulösen und die Krankenversicherung aufrechtzuerhalten», so Ramseyer. Ein ähnliches Modell fährt Rolf Arni, der die Welt als Fotograf und Internet-Unternehmer bereist, aber alle paar Monate in die Schweiz zurückkehrt. Er ist in Bern einer der Leiter des Impact Hub – einem Coworking Space, den er aufgebaut hat. Auch unterwegs arbeitet er immer wieder in Coworking-Gemeinschaften und kann sich so selbst in New York wie zuhause fühlen.

Lebensphase muss passen
Und ist das Nomadentum nun ein dauerhaftes Arbeitsmodell? Ja und nein. Rolf Arni sagt: «Diese Art zu arbeiten, wird sicher ein dauerhaftes Thema sein und Unternehmen sollten sich darauf einstellen, Mitarbeitende zu haben, die so arbeiten wollen.» Er glaubt aber, dass die wenigsten ihr ganzes Leben so arbeiten werden. Er ist überzeugt: «Es gibt verschiedene Lebensphasen, wo es mal besser und mal schlechter möglich ist.» Florian Schindler und Melanie Stocker haben sich auf ein Jahr begrenzt und sind mittlerweile wieder in der Schweiz. Lorenz Ramseyer hat seit der Geburt seines Sohnes im letzten Jahr eine Pause am
Thunersee eingelegt. «Aber es ist eine Vision von uns, dass wir auch als Familie für eine gewisse Zeit gemeinsam fortgehen», sagt er. David Govindasamy und Sabrina Sigg hingegen wollen nicht mehr in ihr altes Leben zurück. Bald kommt das zweite gemeinsame Kind auf die Welt – in Südostasien natürlich.

Weitere Infos unter
digitalenomaden.ch
bergspitzmedia.ch

 


 

Fotomaterial (zvg)

Florian Schindler (26) und Melanie Stocker (26)
Mit dickem Rucksack ging es für das Paar Ende 2016 mit einem One-Way-Ticket nach Sri Lanka. Das ortsunabhängige Arbeiten hatten sie zuvor bereits in der Schweiz getestet –
insbesondere Florian hatte während seines Studiums in Multimedia Productions an der HTW Chur als Freelancer seine Aufträge zwischen Aarau und Chur erledigt. Asien war natürlich eine grössere Herausforderung, gerade auch, weil das Paar viel unterwegs sein wollte. Doch es funktionierte. Nachdem selbst anfangs zögerliche Kunden mitbekommen haben, dass auf Florian Verlass ist – ob in Aarau oder auf den Philippinen – ist er voll ausgelastet mit Aufträgen in den Bereichen Design, Webentwicklung und Video Production. Die ausgebildete Textilwirtschafterin Melanie kümmert sich um das Aushängeschild: den Reiseblog Storyflow. Ihr Erfolgsrezept? «Unsere Arbeit macht uns wirklich Spass», heisst es. Und: «Gute Planung ist das A und O!» Nach einem letzten Trip nach Bali geht es im Frühjahr zunächst wieder zurück in die Schweiz – mit einem breiten Grinsen. Denn ihnen ist nicht nur bewusst geworden, dass sie die Freiheit lieben, sondern auch, was sie alles an der Schweiz schätzen.

Weitere Infos
storyflow.ch

 


 

Fotomaterial (zvg)

David Govindasamy (31) und Sabrina Sigg (38) mit Giada (4)
«Ich will nicht mehr in mein altes Leben zurück», sagt David. Im letzten Jahr hat er seinen Job als Speditionskaufmann in Zürich gekündigt und ist seitdem mit seiner Partnerin Sabrina und seiner kleinen Tochter Giada hauptsächlich in Asien unterwegs. Die beiden fühlen sich als digitale Nomaden pudelwohl und haben auch den Arbeitsdreh raus. Ihr Leben können sie sich komplett finanzieren durch ihre eigene Website und ihren Amazon-Shop, über den sie in grösseren Mengen verschiedene Produkte vertreiben. Ein schnelles Business, dabei ist ihnen umso wichtiger, stressfrei zu reisen. Wenn es ihnen irgendwo gefällt, bleiben sie dort auch mal mehrere Monate. 2017 haben sie viel Zeit auf der thailändischen Insel Koh Phangan verbracht. Die dortigen Preise ermöglichen, viele Haushaltsdinge auszulagern. Dadurch könnten sie länger arbeiten als früher, sagt David. Zudem sei das High Speed Internet über thailändische Simkarten sogar schneller als in der Schweiz. 2018 erwartet Sabrina das zweite gemeinsame Kind und es wird kaum in einem Schweizer Spital zur Welt kommen. David sagt: «Ob es eine Haus- oder Meergeburt wird, da sind wir noch etwas unschlüssig.»

 


 

Fotomaterial (zvg)

Rolf Arni (36)
Der Fotograf, Informatiker und Gründer ist seit einigen Jahren ein digitaler Nomade – ein atypischer, sagt er: viel unterwegs, doch alle paar Monate für ein paar Tage in der Schweiz. Bei den vielen Hüten, die Arni trägt, die beste Lösung. Einerseits hat er es sich zur Aufgabe gemacht, andere mit seiner Begeisterung für die schönsten Plätze der Welt anzustecken. Arni organisiert und leitet Fotokurs-Reisen etwa nach Costa Rica oder Finnland. Und er ermöglicht, dass Fotografen hierfür immer das passende Equipment parat haben: Mit seinem Unternehmen Rentalens vermietet er über eine Online-Plattform Kameras und Objektive. Andererseits hat er das digitale Nomadentum zu seinem Job gemacht: Zuletzt hat er den Coworking Space Impact Hub Bern aufgebaut und ist einer der Leiter. Kein Wunder, dass er sich auch auf Reisen in Spaces am wohlsten fühlt. Arni sagt: «Man wird dort wie ein Teammitglied zuhause behandelt.» Dabei ist er kein rastloser Reisender, sondern bleibt mindestens vier Wochen an einem Ort, denn man braucht laut Arni viel Zeit und Energie, um sich einzurichten. Und dann plant er auch bewusst seine Freizeiten. Arni sagt: «Sonst endet es im Gegenteil und man ist nur noch am Arbeiten.»