Blockchain für den fairen Genuss

(zvg)

Lieferketten für Lebensmittel sind komplex und oft undurchsichtig. Abhilfe schaffen könnten Blockchain-Systeme, die Produzenten und Konsumenten mehr Übersicht geben. Während Konzerne noch daran tüfteln, scheint ein Schweizer Start-up schon fast startbereit zu sein.

Von Yvonne von Hunnius

Wer nicht komplett auf Eigenanbau und den Bauern von nebenan setzt, blickt bei Lebensmitteln heute in eine Blackbox: Kann ich der Bio-Zertifizierung meiner Schoggi trauen und kommt beim Kakaobauern wirklich mehr als 6 Prozent des Kaufpreises an? Ist mit diesen deutschen Eiern wirklich alles in Ordnung? Im Eifer, mehr Transparenz zu schaffen, ist ein Wildwuchs an Labels und Regulierungen entstanden, der Kunden wie auch Produzenten und Händler nur noch mehr verwirrt. Auf all diese Fragen wollen Blockchain-Lösungen Antworten liefern. Das System von Foodcoin Ecosystem in Luzern beispielsweise. Zugegeben, das Start-up erfindet das Rad nicht alleine neu. Mit IBM und Walmart arbeitet auch der weltgrösste Detailhändler an einer Blockchain-Lieferkette mit dem Namen Food Trust. Doch Foodcoin-Ecosystem-Gründer Gregory Arzumanian sagt: «Wir werden unser System früher in den Markt bringen – wir sind jetzt schon eineinhalb Jahre schneller als der Zeitplan.»

Schweizer Standort bewusst gewählt


Für den russischen Unternehmer arbeiten IT-Experten in Russland und in den USA unter Volldampf daran, schneller als die grosse Konkurrenz zu sein. Er selbst ist mit seiner Familie in die Schweiz gezogen, weil hier für sein Blockchain-Projekt die regulatorischen Bedingungen am besten waren, sagt er. Und weil man in der Schweiz explizit um ihn gebuhlt hat. Ohne, dass er es sagen muss, merkt man: Er hätte die freie Wahl gehabt, sein Start-up überall hochzuziehen. In seiner Heimat Moskau hat er ein Unternehmen aufgebaut, das eine Hydroponik-Technologie für Pflanzenanbau in Wasser anbietet. Zuletzt entstand unter seiner Federführung im US-Staat Maryland das Netzwerk 1000EcoFarms, das Biobauern direkt mit Einzelhändlern und Endkunden zusammenbringt. Bei 1000EcoFarms machen weltweit über tausend Bauern mit. Und in gewisser Weise ist Foodcoin Ecosystem eine Weiterentwicklung dieser Plattform.

Lückenlose Lieferkette per Knopfdruck


In beiden Fällen geht es um den direkten Kontakt zwischen Hersteller und Kunde – sei es eine Einzelperson, eine Grossküche oder ein internationaler Detaillist. Im Kontrast zu 1000EcoFarms wird bei Foodcoin Ecosystem nur die Verlässlichkeit der Daten und die Geschwindigkeit der Datenverfügbarkeit auf ein Maximum gehoben, denn in der Blockchain ist jede Transaktion, die mit dem Gut verknüpft ist, lückenlos aufgeführt. «Damit schaffen wir eine vollständige Blockchain für Lieferketten in den Bereichen Lebensmittel und Landwirtschaft», sagt der Gründer. Und dann hat er gleich eine ganze Latte an Vorteilen parat: «Es ermöglicht eine zuverlässige Rückverfolgung, reduziert Verwaltungskosten, verbessert das Risikomanagement, reduziert das Arbeitskapital, digitalisiert den Dokumentenfluss, ermöglicht besseres Direktmarketing und macht Zwischenhändler unnötig.» Und was heisst das konkret?

Schritt eins: Hersteller legen alle Informationen zum Produkt in der Blockchain ab – zum Beispiel auch Zertifikate. Die Daten sind nicht mehr veränderbar. So funktioniert Blockchain. Schritt zwei: Alle Berechtigten haben hierzu in Sekundenschnelle Zugang. Kunden wie beispielsweise Migros können rasch prüfen und vergleichen. Schritt drei: Der Kunde kann dann direkt bei einem deutschen Biogurken-Unternehmen grosse Mengen bestellen. Generell dürfte der Preis geringer sein als im regulären Verfahren, da nicht nur der ganze Papierkram wegfällt, sondern etwa auch Zwischenhändler oder Zertifikatsgutachten.

Mehr Effizienz


Mit Aldim ist tatsächlich ein deutscher Hersteller von sauren Gurken in Bio-Qualität Teilnehmer im System von Arzumanian. Details zum Unternehmen und seinen Produkten sind bereits auf der Seite im Bereich Foodscan zu finden. Und Aldim-Geschäftsführer Alexander Schnekenhaus hat handfeste Gründe, dabeizusein. Er will seine Geschäfte digitalisieren und Effizienz gewinnen, sagt er in einem Interview. Etwa können fehlerhafte Chargen leicht ermittelt und aus dem Verkehr gezogen werden, das Nachfragemanagement wird übersichtlich. Und was er dazu braucht, ist nicht viel: Laut Gregory Arzumanian seien die auszufüllenden Formulare nicht komplexer als einfache Word-Vorlagen. Sonst werden die Produkte mit regulären QR-Codes ausgezeichnet, worüber auch Endkunden die für sie freigeschalteten Infos abrufen können.

Und was für über 100 000 Gurkengläser funktioniert, funktioniert auch mit einzelnen Käselaibern. Wie bei Aldim läuft es auch bereits mit dem Gomser Bergkäse bei der Sennereigenossenschaft Obergesteln. Alle Käselaibe, die die Produktion an der Furkastrasse 19 in Obergesteln verlassen, sind nachvollziehbar.

Ökosystem wird entscheidend


Alles schön und gut, aber letztlich gewinnt das System, das die meisten Partner findet. Alle Teilnehmer der Lieferketten müssen ihre Daten einbringen, sonst ist die Idee der Echtzeit-Transparenz nicht konsistent. Walmart hat die Marktmacht, Lieferanten schlicht zu verpflichten, bei Food-Trust mitzumachen und Daten einzutragen: Als Erstes müssen im nächsten Jahr alle direkten und indirekten Lieferanten von Salaten mitmachen. IBM arbeitet seit einiger Zeit beispielsweise auch mit dem Logistik-Riesen Maersk an einer Blockchain-Lösung für Lieferketten.

Dagegen motiviert Foodcoin Ecosystem das 1000EcoFarmers-Netzwerk. In diesem November geht eine neu gestaltete Seite von 1000EcoFarms online – inklusive Blockchain-Tools von Foodcoin Ecosystem. Bis Ende Jahr werden dann auch die russischen und US-amerikanischen Bauern des Netzwerks die Blockchain-Lösungen für ihre Lieferkette nutzen. Zudem sagt Arzumanian: «Ich habe jede Woche Treffen mit Top-Managern von Lebensmittelunternehmen in der Schweiz und ganz Europa.» Der studierte Historiker und Philosoph spricht dabei über Effizienz, aber immer auch über seine Vision, dass die Blockchain mehr Fairness in das schnell drehende Geschäft mit den Lebensmitteln bringt. Und das tut er sehr überzeugend.

Weitere Infos unter
https://www.foodcoin.io/
Foodcoin-Ecosystem-Gründer Gregory Arzumanian. (zvg)