Die Wirtschaft muss umdenken

Die Ressourcen der Welt sind endlich. Was liegt näher, als Ressourcen effizienter zu nutzen und aus Abfall Neues zu schaffen? Die Kreislaufwirtschaft liegt im Trend, gerade auch in der Schweiz. Doch dafür braucht es Innovationen – und Anpassungen bei den Wertschöpfungsketten.

 

VON STEFFEN KLATT

Aus der Sicht von André Hoffmann ist es für die Wirtschaft höchste Zeit, umzudenken. «In der Vergangenheit haben wir uns nur auf ein Ziel konzentriert: Geld zu machen in kurzer Zeit», sagte der Vizepräsident des Roche-Verwaltungsrates und Präsident der MAVA Stiftung an der Auftaktveranstaltung für eine Schweizer Bewegung für die Kreislaufwirtschaft. «Wir müssen Geld verdienen, aber nicht auf Kosten der Gesellschaft und der Umwelt.» Im Gegenteil, die Unternehmen müssten Werte schaffen. Um dieses Ziel im Netzwerk besser zu erreichen, wurde im Februar in Basel «Circular Economy Switzerland» gegründet. Denn schon heute gibt es viele Unternehmen, die auf Kreislaufwirtschaft setzen. Dabei entsteht im Idealfall ein Stoffkreislauf ohne Abfall – Produkte bestehen aus Wiederverwertetem und werden nach ihrem ersten Leben zu einem neuen Produkt. 

André Hoffmann, Präsident der MAVA Foundation und Vice-Chairman of the Board, Roche Holding Ltd. (ZVG)

Plastik im Kreislauf


Bei Stahl beispielsweise ist das heute schon möglich und man kann durch die Wiederverwertung von Schrott einen richtigen Kreislauf schaffen. Bei den meisten anderen Stoffen bedarf es cleverer Ideen: Das Institut für Werkstofftechnik und Kunststoffverarbeitung (IWK) der Hochschule Rapperswil etwa nutzt alte Skischuhe für die Produktion hochwertiger Kunststoffe für den 3D-Druck. Dazu arbeitet das Institut mit der ARGO Stiftung für Integration von Menschen mit Behinderung in Graubünden zusammen. In deren Werkstatt in Davos werden die alten Schuhe zerlegt und geschreddert. Aus einem Skischuh lässt sich dabei laut Mitteilung rund 1 Kilogramm sortenreines Material für die Wiederverwertung gewinnen. Dieses Mahlgut wird anschliessend am IWK geschmolzen und in Drahtform gepresst. Die so hergestellten Filamente können nun im 3D-Druck für die Produktion neuer Kunststoffprodukte eingesetzt werden. Für ihr innovatives Material mit dem Namen Creamelt sind seine Entwickler im Februar mit dem German Design Award Special Mention 2019 in der Kategorie Excellent Product Design ausgezeichnet worden.

Bei der Wiederverwertung von PET-Flaschen zeichnet sich für 2019 sogar ein Rekord ab: Das sogenannte rPET – das aus PET-Flaschen hergestellte Granulat – ist für 2019 bereits ausverkauft. Um den Nachschub zu sichern, wird im April in Bilten GL eine hochmoderne Aufbereitungsanlage in Betrieb genommen. Laut dem Verein PET-Recycling wird es die modernste Anlage Europas sein.

Florian Gschwend, wissenschaftlicher Mitarbeiter am IWK, und Prof. Daniel Schwendemann, Institutspartner IWK (v.l.), nahmen die Auszeichnung an der Messe Ambiente im deutschen Frankfurt entgegen. (ZVG)

Bauschutt als Rohstoff


Plastik mag derzeit stark die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, weil es – noch – aus fossilen Rohstoffen hergestellt wird und die Meere verschmutzt. Aber Bauschutt weist ein wesentlich höheres Potenzial auf: Pro Jahr fallen davon sieben Millionen Kubikmeter an, knapp ein Kubikmeter pro Kopf, wie Patrick Eberhard an der Veranstaltung in Basel erläuterte. Er setzt sich dafür ein, dass möglichst viel Bauschutt zurück in den Kreislauf kommt, denn Bauschutt zu deponieren kommt für Eberhard nicht in Frage.  Doch es sei schwer, Bauherren davon zu überzeugen, so Eberhard, Bereichsleiter Verkauf Baustoffe der Eberhard Baustoffe AG. Die Eberhard Gruppe, in der er bereits die dritte Generation vertritt, ist ein Pionier der Wiederverwertung in der Schweiz. Eberhard kann auf Erfolge verweisen: Die Stadt Zürich hat bereits 2009 ein Schulhaus in Leutschenbach komplett mit wiederaufbereiteten Materialien gebaut. Solche Beispiele dürfte es künftig häufiger geben. Dazu könnte das neue Bundesgesetz über das öffentliche Beschaffungswesen beitragen, das Anfang 2020 in Kraft treten soll. War bisher der Preis das einzige Kriterium, um den Zuschlag für öffentliche Bauten zu erhalten, so soll künftig auch die Nachhaltigkeit ein Zuschlagskriterium werden. «Die öffentliche Hand muss zum Vorbild werden», sagte denn auch Jacky Gillmann, Verwaltungsratsmitglied von Losinger Marazzi AG. 

Wertschöpfungsketten anpassen


Doch wenn Kreislaufwirtschaft von der Ausnahme zur Regel werden soll, müssen sich ganze Wertschöpfungsketten ändern. So muss für das Bauwesen inventarisiert werden, wo welche Ressourcen verbaut sind. Genau das ist das Ziel der neuen Online-Bibliothek Madaster, die im Oktober in der Schweiz lanciert wurde und von Unternehmen wie Eberhard, Losinger Marazzi, Raiffeisen, Swiss Prime Site und Swiss Re unterstützt wird. Gebäude werden damit zu Materiallagern. Und wenn Gebäude nicht mehr gebraucht werden, dann werden sie nicht mehr abgerissen, sondern in ihre Wertstoffe zerlegt: Rückbau statt Abrissbirne. Der Kanton Zürich etwa will auf diese Weise den Rohstoffreichtum nutzen, der in seinem Gebäudepark schlummert.

Ähnlich bei den Kunststoffverpackungen: Wenn jeder Hersteller andere Plastiksorten verwendet, dann können sie kaum wiederverwertet werden. Da setzt die neue Allianz Design for Recycling an. Partner der Allianz sind die Verpackungshersteller Biplast und Semadeni AG zusammen mit der Logo-Plastic AG, der Markenhersteller Mibelle, die Detailhändler ALDI SUISSE und Migros, die Müller Recycling AG, PET-Recycling sowie die Effizienzagentur Schweiz und die Staub Technologie GmbH. Die Allianz setzt sich dafür ein, dass Kunststoffverpackungen auf eine Art hergestellt werden, die eine spätere Wiederverwertung ermöglicht. In der ersten Phase ihrer Tätigkeit konzentriert sie sich auf Kunststoffflaschen, die beispielsweise für Shampoo und Reinigungsmittel verwendet werden. 

 

Bild: stock.adobe.com, bogdandimages

International im Trend


Die Bemühungen für einen Umstieg auf die Kreislaufwirtschaft beschränken sich nicht auf die Schweiz. Nestlé etwa ist dem NextGen Consortium beigetreten, welches das Ziel hat, eine vollständig wiederverwertbare und kompostierbare Mitnehm-Kaffeetasse zu entwickeln. Das Konsortium ist von Closed Loop Partners gegründet worden, einer in der Kreislaufwirtschaft engagierten Investmentfirma. Starbucks und McDonald´s fungieren als Gründungspartner. Zu den Partnern gehören ausser Nestlé auch der WWF und Unternehmen wie Coca-Cola und Yum! Brands. Nestlé will als grösster Nahrungsmittelhersteller bis 2025 alle Verpackungen von Nestlé zu 100 Prozent wiederverwertbar machen.  Kreislaufwirtschaft könnte also bei vielen Produkten bald Alltag werden. Und wo neu gedacht werden muss und sich Wertschöpfungsketten verändern, da ist auch Platz für neue Ideen – und für neue Unternehmen, die diese Ideen umsetzen.

Weitere Infos unter

www.iwk.hsr.ch

www.argo-gr.ch

www.circular-economy-switzerland.ch

www.eberhard.ch

www.losinger-marazzi.ch

www.swissrecycling.ch

www.closedlooppartners.com

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