Drum prüfe, wer sich bindet.

Eine Beteiligung von einem Venture Capitalist wünschen sich viele Start-ups und erhoffen sich damit Investoren, die ihre Firma zum Formel-1-Rennwagen machen. Was steckt dahinter? Ein Nachmittag mit Alexander Stoeckel von der Venture-Capital-Gesellschaft btov.

Von Yvonne von Hunnius

«Start-ups gehen zu Investoren wie zum Zahnarzt – dabei müssen beide prüfen, ob sie die Richtigen füreinander sind», sagt Alexander Stoeckel und fragt: «Ist das Du okay?» Auf dem Investor Summit Liechtenstein ist man schnell per Du. Das liegt nicht nur am Bergpanorama, denn an Start-up-Veranstaltungen läuft es anders als bei offiziellen Meetings. Gründer sind auch hier nervös, wenn sie auf Investoren treffen, doch an Stehtischen kann man sich besser an Snacks und Kaffee festhalten, über den Wetter-Small-Talk zum Eigentlichen kommen. Und hier ist man schneller per Du mit Alexander Stoeckel. Er ist Venture Capitalist (VC) vom St. Galler Standort der VC-Gesellschaft btov, ein grosser Player im europäischen Spiel: BtoV hat allein 2017 insgesamt 50 Millionen Euro in Start-ups investiert.

Die Ausnahme als Geschäftsgrundlage


Wie immer ist auch auf dem Investor Summit in Liechtenstein eine der wichtigsten Aufgaben von VCs die Suche nach den Stars, den «Outliers», also den Ausreissern. Sie bringen dem investierenden Fonds am Ende das Zehnfache des initialen Investments – so lautet die Rechnung. Natürlich erst nach einem Exit nach fünf bis acht Jahren. In der Regel schaffen das nur 20 bis 30 Prozent der Start-ups, in die VCs investieren, weitere 30 Prozent gelten als «Walking Dead», ganze 50 Prozent scheitern.

Stoeckel hat vielleicht schon einen Star – zumindest ist das von ihm betreute Unternehmen Ava auf dem besten Weg, ein Star zu werden. Ava wurde 2018 zum zweiten Mal in Folge zur Nummer eins der hundert Top-Start-ups der Schweiz gewählt und macht Furore mit einem Armband, das die weibliche Fruchtbarkeit trackt. Den kometenhaften Aufstieg seines Start-ups würde Stoeckel sich aber nie ans Revers heften. «Für den Erfolg sind immer die Unternehmer verantwortlich», sagt er.

Das nächste Uber aus der Schweiz?


Wenn der VC im Workshop betont, Investoren bräuchten Bescheidenheit, Bodenständigkeit, teilweise sogar Demut, dann glaubt man ihm. Einerseits, weil das zu ihm passt und andererseits, weil er es mit einer Fehleinschätzung verdeutlicht: Uber, Silicon Valley 2010. Damals präsentierte das Uber-Team den Investoren von btov seine Idee und btov liess Uber abblitzen. «Ich habe immer im Kopf, dass mir heute ein Start-up begegnen könnte, das zu Uber wird und ich darf es nicht übersehen. Es braucht Bodenhaftung, um nicht zu denken: Die Gründer, die vor mir stehen, kann ich nach zwei Sätzen einschätzen», sagt Stoeckel.

Start-ups stets mit frischem Blick zu begegnen, ist schwierig bei der grossen Anzahl, die VCs prüfen. Wenn sich etwa bei btov pro Jahr rund dreitausend Start-ups bewerben, schaffen es gerade mal dreissig in die erste Runde. Diejenigen, die abgelehnt werden, sind häufig noch in einer zu frühen Phase – VCs sind klassischerweise an Unternehmen interessiert, die bereits erste Erfolge vorweisen können. In einigen Fällen ist die Geschäftsidee aber auch nicht ausreichend skalierbar. Stoeckel sagt: «Wir müssen die Rennboliden suchen, die alle überholen.» VC-Gesellschaften investieren viel und arbeiten darauf hin, dass ein Unternehmen so gewinnbringend wie möglich verkauft wird. Die Massgabe, das Zehnfache der Investition einzubringen, ist eine Ansage. Wenn ein Gründer es sich vorstellen kann, sein Unternehmen später seinen Kindern zu vermachen, dann passt ein VC vielleicht nicht optimal zu ihm.

Wer nur Kriterien abhakt, investiert mittelmässig


Betrachtet man diese Dimensionen, überrascht vielleicht, dass eine Entscheidung für oder gegen eine Investition laut Stoeckel nur zu 50 Prozent auf Unternehmensfakten, und zu 50 Prozent auf Bauchgefühl basiert. Und Letzteres nährt sich stark von Erfahrungswerten – «Pattern recognition» nennt Stoeckel das. Nach einigen Jahren hätten Investoren ein Verständnis von Erfolgsmustern, von Herausforderungen, die gewissen Gründertypen entsprechen.

Doch nie könne das pure Abhaken von Kriterien der Unterschiedlichkeit von Start-ups gerecht werden. Für Stoeckel sind deshalb Lösungen skeptisch zu beurteilen, die mithilfe künstlicher Intelligenz aus einer grossen Menge von Start-ups die erfolgversprechendsten quasi automatisch herausfiltern wollen. Stoeckel: «Ein bürokratischer Ansatz führt dazu, dass man in durchschnittliche Unternehmen investiert.» In vielen Fällen hatten erfolgreiche Start-ups zu Beginn zwar offensichtliche Schwächen, doch die eine grosse Besonderheit konnte dies ausgleichen. Selbst wer bereits abgelehnt wurde, kann beim zweiten Mal unter neuen Bedingungen wieder eine Chance bekommen. Fragt man Stoeckel also nach Erfolgskriterien für Start-ups, die sich um Kapital bemühen, so bekommt man nur die Antwort: «Meine goldene Regel ist, dass es keine goldene Regel gibt. Hätte man beispielsweise die Vorgabe, man investiere nie in Unternehmen, die One-Man-Shows sind, hätte Marc Zuckerberg nie Kapital gefunden.»

Investorenstrategie muss passen


In Liechtenstein hat Stoeckel mit vielen Start-ups gesprochen. Eines beobachtet er schon lange – «der europäische Markt wird immer interessanter», sagt er. Sich gegenüberstehen, zuhören, nachfragen können – solche Veranstaltungen sind Gold wert für beide Seiten. Gründer sollten Investoren aktiv und mutig beschnuppern, mehr erfahren über deren Philosophie, darüber, was sie einem Start-up geben können. Hier der VC, der viel gibt und viel fordert – faktisch nur eine Minderheitsbeteiligung, doch letztlich sollen es starkes Wachstum und ein erfolgreicher Exit sein. Dort der Business Angel, der schon in früher Phase ins Unternehmen kommt, vielleicht länger bleibt und nicht zwingend auf einen Exit hinarbeitet. Gründer müssen erst sich selbst prüfen, welchen Weg sie einschlagen wollen – dann können sie ihre Asse beim passenden Geldgeber selbstbewusst ausspielen. In den USA heisst es laut Stoeckel schon längst «Kapital sucht Idee», während in Europa noch gelte: «Idee sucht Kapital». Die Zeiten ändern sich aber auch hier.

Alexander Stoeckel arbeitet am St. Galler Standort der VC-Gesellschaft btov. (zvg)