Neid macht ungerecht

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Rund um die Debatte zum Vaterschaftsurlaub ist ein Streit um die Frage entbrannt: Was ist egoistischer – Kinderkriegen oder Kinderlosigkeit? Dabei wird mit Gefühlen und Statistiken gespielt. Das Lagerdenken verhindert aber eine Lösung, die der Schweiz würdig wäre.

Ein Kommentar von Yvonne von Hunnius

Auf der anderen Seite des Flusses ist das Gras grüner, sicher! Daran erinnert mich die gefühlsschwangere Diskussion darum, wer nun eher einen Egotrip auf Kosten der Allgemeinheit fährt – Kinderlose oder Eltern? Dabei zückt jeder vorwurfsvoll den Zeigefinger. Kein Wunder, denn eigentlich ist das eine Neid-Debatte: Laut Umfragen glauben die meisten Kinderlosen, dass das Glück der Welt darin liegt, Kinder zu haben. Eltern sind davon weit weniger stark überzeugt.

Man findet für alles eine Statistik, glauben Sie mir. Davon hat auch NZZ-Redaktorin Claudia Baer im letzten November Gebrauch gemacht. In einem Artikel vertrat sie die Meinung: «Kinder sind ein Ego-Projekt.» Der Nachwuchs koste die Gesellschaft mehr, als er ihr einbrächte, heisst es. Wer Kinder bekomme, fröne seinem Privatvergnügen auf der Suche nach Glück. Eigentlich purer Luxus, denn Wissenschaftler hätten errechnet: Kinder sind die grösste Umweltbelastung, die ein Mensch auslösen kann. Papi-Urlaub & Co haben in dieser Logik keinen Platz. Wer sich Kids nicht leisten kann, tut rechnerisch ja allen einen Gefallen.

Der wohl erwünschte Effekt blieb nicht aus. Baer war in aller Munde. Da sie explizit aus liberaler Sicht argumentiert hatte, meldeten sich hunderte von Kommentatoren zu Wort, um ideologische Grabenkämpfe auf den Rücken der Kinder auszutragen.

Die Welt ist ungerecht. Und dass das Familien wie Kinderlose beklagen, ist nichts Neues. Die aktuelle Debatte nahm ihren Anfang im Frühjahr letzten Jahres, als der Berner Wirtschaftsprofessor Peter V. Kunz in einem vielbeachteten Beitrag für die Aargauer Zeitung Position für die Kinderlosen einnahm. Er kritisierte, Eltern und Kinder würden a priori als gut eingestuft – ungeachtet der Tatsache, dass Kinderlose politisch benachteiligt seien. Er schreibt: «Nicht nur verursachen sie geringere Kosten, sie tragen ausserdem Lasten mit, die ihnen nicht unmittelbar von Nutzen sind.» Über seinen Standpunkt lässt sich diskutieren. Die zugespitzte Debatte zum NZZ-Artikel hingegen macht keinen Spass mehr.

Es ist übergriffig und anmassend zu behaupten, Menschen ohne Nachwuchs seien unverbesserliche Egoisten. Es ist ebenso anmassend und zudem unethisch, die Umweltbelastung einer Fernreise ernsthaft mit derjenigen eines Säuglings in Relation zu setzen. Diskriminierung kann nicht mit Diskriminierung beantwortet werden.

Die Schweiz ist weit entfernt von einem Wohlfahrtsstaat nach skandinavischem Vorbild. Wirtschaft geht hier immer vor und der Ruf nach gleich langen Spiessen für Unternehmen wird stets mit Beifall begleitet. Doch wie kann gleichzeitig die Forderung nach gleich langen Spiessen für Menschen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen solch erbitterte Diskussionen hervorrufen? Auch hier geht es um liberale Rahmenbedingungen für die Freiheit. Unter dieser Prämisse sollten die Lager ihre Gräben schliessen. Gerade in einem Land, dessen Geschichte als Solidargemeinschaft in der ganzen Welt als Vorbild dient. Andernfalls steht die Schweiz bald nicht nur in Punkto Wohlstand, sondern auch in Punkto Neidgesellschaft auf Platz eins.