So klappt es mit der Work Life Balance

In den Ferien ruft der Chef an, private Amazon-Pakete lässt man sich ins Büro liefern – die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben wird in digitalen Zeiten immer durchlässiger. Es braucht viel Organisation, um dabei die eigene Work-Life-Balance zu finden.

Von Yvonne von Hunnius

Wie halten Sie es mit der Work-Life-Balance? Haben Sie auch das Gefühl, dass Ihnen ständig Zeit fehlt, um Job und Privatleben gleichermassen gerecht zu werden? Work-Life-Balance ist ein Dauerbrenner. Einerseits Buzz-Word, Verkaufsargument für schicke Autos und Wellness-Wochenenden. Wir lieben Work-Life-Balance. Es ist die schönste Ausrede der Welt für alles ausserhalb des Büros, was Spass macht. Andererseits kommt tatsächlich niemand daran vorbei, seine persönliche Balance zwischen Privatem und Beruflichem zu finden. Wer die wachsenden Ansprüche nicht unter einen Hut bekommt, gerät unter die Räder. Work-Life-Balance schwingt sich dabei zu einem Wert auf, der alten Statussymbolen Konkurrenz macht.

15 Stunden Privatleben am Tag
Nur die wenigsten Menschen sind noch freiwillig bereit, Geld gegen ihre komplette Zeit zu tauschen. Sogar die Investmentbanken bewegen sich. So ist es zwar laut einer aktuellen Umfrage bei Grossbanken und Finanzboutiquen noch üblich, 70- bis 80-Stundenwochen zu fahren. Doch das Pensum hat sich verringert. Generell hätten die Schweizer heute theoretisch genug Zeit, um ihre Berge zu besteigen: Nur 7 Prozent der Beschäftigten haben richtig lange Arbeitszeiten. Das ist weniger als der Durchschnitt in Industrienationen, sagt der aktuelle Bericht der Industrieländerorganisation OECD. Sonst liegen die Eidgenossen im guten Mittelfeld. Dem Gros bleiben neben der Arbeit 15 Stunden, um zu machen, was sie wollen. Ok, in den Niederlanden oder in Deutschland haben die Beschäftigten noch mehr Zeit – doch die Schweiz rangiert vor Ländern wie Österreich, den USA oder Grossbritannien.

Work-Life-Balance sticht Karriere aus
Wer sich durch Statistik wühlt und nach Beispielen sucht, merkt aber schnell: Work-Life-Balance wird keineswegs nur durch Geld und Zeit bestimmt. Selbständige beispielsweise zählen oft noch nicht mal ihre Arbeitsstunden und haben nicht selten mit finanziellen Durststrecken zu kämpfen. Über der Hälfte der Selbständigen sind laut Studien die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit unwichtig und sie scheinen weniger darunter zu leiden als Festangestellte. Sie sind zufriedener mit ihrem Job und ihrer Work-Life-Balance.

In diese Richtung orientieren sich auch jüngere Generationen: Viele würden tendenziell lieber rund um die Uhr nach eigener Regie schuften und finanzielle Unsicherheit in Kauf nehmen, als auf der Karriereleiter nach oben zu streben. In Schweizer Chefetagen wird ein regelrechter Nachwuchsmangel beklagt. Nach der Erfahrung der rekrutierenden Manager liegt das zu einem grossen Teil daran, dass vielen eine gute Work-Life-Balance wichtiger ist als das höhere Gehalt oder die bessere Position.

Mittwochs bin ich weg
Frank ist dafür ein Beispiel: Früher angestellt in einer Software-Bude, ist er heute selbständiger IT-Berater. Er muss vollen Einsatz zeigen, um über Wasser zu bleiben. Doch der Mittwoch ist für seine Tochter reserviert. Die Kunden akzeptieren das. Natürlich ist er parat, wenn es brennt – auch mittwochs ist er online, das Büro ist in seinem Haus. Den Rest der Woche ist die Tochter in der Krippe oder bei der Mutter, die als Lehrerin ihre Stunden reduzieren konnte. Hier zeigt sich, welche Stellschrauben für eine gesunde Work-Life-Balance entscheidend sind: flexible Arbeitsmöglichkeiten, komfortable Arbeitswege, gute Kinderbetreuung und eine gute digitale Infrastruktur. Wie sieht es damit in der Schweiz aus?

Pendeln bringt Frust
Die Schweiz macht nicht in allen vier Punkten eine gute Figur. Studien sind sich einig, dass flexible Arbeitszeiten und Homeoffice-Möglichkeiten glücklicher und produktiver machen. Für Angestellte ist diese Flexibilität aber noch nicht üblich – der Grossteil der Wirtschaft macht sich erst langsam auf den Weg, moderne Konzepte einzuführen.

Auch sorgt der Boom in den Ballungsgebieten für immer vollere Strassen und Zugabteile. Ein stressiger Arbeitsweg macht Frust, raubt Zeit und Energie, die sonst Job und Privatleben zugutekämen. Die Zahl der Schweizer Pendler ist in den letzten Jahrzehnten rasant angestiegen. Wer nicht zuhause arbeitet, muss beim Arbeitsweg zu 70 Prozent den Wohnort wechseln: jeder zweite per Auto, 30 Prozent mit dem öffentlichen Verkehr. Die Pendler-Misere ist mit ein Grund für den lauten Ruf nach flexibleren Arbeitszeiten, Homeoffice und der Möglichkeit, auch mal in einem Coworking Space im Heimatort zu arbeiten.

Kinderbetreuung frisst Einkommen
Die dritte Sache mit der Kinderbetreuung ist die grösste Baustelle für die Schweiz. Die Plätze sind teuer und knapp. Eltern müssen teilweise zwischen 15 und 20 Prozent ihres Einkommens für die Krippenbetreuung von zwei Kids im Vorschulalter ausgeben. In anderen europäischen Ländern sind es manchmal nur 3 bis 6 Prozent. Im schlechtesten Fall fährt dann der Papa so viele Überstunden, dass er die Entwicklung der Kleinen verpasst; die Mama steigt mit so kleinem Pensum ein, dass sie nur die Aufgaben einer besseren Praktikantin erledigen kann und bald frustriert das Handtuch wirft. Work-Life-Balance sieht anders aus.

Digitalisierung macht erreichbar
Bei der Digitalisierung kann sich die Schweiz bessere Noten geben. Studien bescheinigen im internationalen Vergleich gute Internetqualität; die Arbeitgeber achten auf aktuelle Systeme. Dabei werden die Grenzen zwischen Privatem und Beruflichem gründlich verwischt: Eine aktuelle Umfrage belegt, dass rund 50 Prozent für den Arbeitgeber in der Freizeit erreichbar sind – drei Viertel sind während der Arbeitszeit privat online. Das sagt aber noch nichts darüber aus, ob diese Erreichbarkeit nervt. Davon könnte man ausgehen: Zwei Drittel werden als sogenannte Separierer eingeschätzt – Menschen, die Arbeit und Freizeit lieber strikt trennen. Nur ein Drittel gilt als Integrierer und verbindet beides gern miteinander.

Ob Separierer oder Integrierer, um seine Balance zu finden, bedarf es eines riesigen Organisationsaufwands: Flexible Arbeitszeiten müssen mit der Familie koordiniert werden, die Staus wollen geschickt umfahren werden, die Kinder gilt es, punktgenau von A nach B zu bugsieren. Und letztlich sollte jeder genau wissen, welchen Anruf aus dem Büro er am Wochenende besser annimmt. Doch wer einmal den Bogen raus hat, dürfte reich belohnt werden.

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