Der Plastiksack im Kreislauf

Plastiksäcke haben einen schlechten Ruf. Zu recht. Denn es gibt längst Alternativen: biologisch abbaubare, kompostierbare und überwiegend aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellte Säcke. BioApply aus Gland ist ein Schweizer Pionier.

Von Steffen Klatt

Die Plastiksäcke in den Supermärkten sind auf dem Rückzug. Seit die Konsumentinnen und Konsumenten 5 Rappen pro Stück zahlen müssen, verzichten die meisten lieber auf sie. Anderswo freilich ist das noch nicht möglich: Für offenes Obst und Gemüse braucht es sie noch, für den Abfall zuhause und anderswo ebenfalls. 

Von Plastik geschockt


Dabei gibt es sie längst: die Plastiksäcke, die unbedenklich auf den Kompost geworfen werden können. BioApply in Gland VD ist ein Schweizer Pionier des biologisch abbaubaren und kompostierbaren Abfallsacks. Gegründet wurde das Unternehmen 2006 von Frédéric Mauch. Der Westschweizer hatte lange in China gearbeitet und dort die Verschwendung von Plastik miterlebt. Milliarden Plastikbeutel, Strohhalme, Flipflops… wurden – und werden – dort produziert, die alle rasch wieder auf dem Müll oder – schlimmer noch irgendwo in der Landschaft landen. Es braucht 400 Jahre, sie abzubauen. «Ich habe gesehen, wie sie hergestellt wurden, mit Gift», sagt Mauch. Dem wollte Mauch etwas entgegensetzen. Was, wenn Plastik aus Biorohstoffen gemacht würde? Dann müsste es sich auch wieder in seine Bestandteile auflösen lassen, sagte sich der heutige Unternehmenschef damals. Und so entstand BioApply.

Für Apotheken, Bäckereien und Abfallbewirtschafter


Seither ist das Unternehmen kontinuierlich gewachsen. «Wir sind der einzige ‹pure player› bei den kompostierbaren, biologisch abbaubaren Plastiksäcken», sagt Stefan Feltgen, der heutige Marketingchef des Unternehmens. Die Kunden kommen aus zwei Bereichen: BioApply beliefert Unternehmen der Abfallwirtschaft in der ganzen Schweiz mit Abfallsäcken mit einem Volumen von 7 Litern für den Haushaltsmüll bis zu 800 Litern für Container. Zu den grossen unter den Kunden gehört etwa Helvetia Environment. Und BioApply liefert Plastiksäcke für den Einzelhandel – von Apotheken und Pharmazie-Grosshändlern wie Galexis über Bäckereien und Biomärkte bis hin zu einzelnen Supermärkten der Migros. So nutzt die Migros im Waadtland BioApply-Säcke an der Kasse. «Wir hoffen, dass sie unsere Säcke bald auch an der Kasse einsetzen», sagt Feltgen.

Für frisches Gemüse und stinkende Fische


Noch ist BioApply vor allem in der Westschweiz stark – die Hälfte des Absatzes wird dort erzielt. Das hat mit der Westschweizer Herkunft zu tun und mit der eigenen Verkaufskapazität. Aber der Absatz in der Deutschschweiz wächst. Und es kommen ausländische Abnehmer hinzu. So nutzt Infarm, ein Berliner Urban Farming-Start-up, die Säcke von BioApply, um seine rund 30 Abnehmerläden in der deutschen Hauptstadt zu beliefern. Selbst ein grosser polnischer Fischhändler hat bereits in Gland angeklopft – einer seiner grossen Lieferanten hatte Probleme mit dem stinkenden Fischabfall bekommen. Wenn dieser mit biologisch abbaubaren Säcken transportiert wird, lässt er sich leichter kompostieren.

BioApply wächst kontinuierlich und organisch – und will das auch weiter so tun. Fremde Investoren gibt es nicht. «In diesem Jahr dürfte der Schweizer Umsatz an die 3-Millionen-Marke kratzen», sagt Feltgen.

Umweltbilanz muss stimmen


Das Rohmaterial wird in Europa produziert. Ein Hersteller im norditalienischen Novara nutzt vor allem Maisstärke und zunehmend Disteln, ein deutscher Hersteller produziert auf Basis von Kartoffelstärke. Dabei hat im Laufe der Jahre ein wichtiger Wechsel stattgefunden. Hat Mauch am Anfang vor allem Wert auf erneuerbare Rohstoffe gelegt, so geht es heute vor allem um die Kompostierbarkeit und die biologische Abbaubarkeit. «Die Umweltbilanz muss stimmen», sagt Feltgen. «Unsere Produkte müssen eine bessere Umweltbilanz als herkömmliche Produkte haben.»

Heute bestehen BioApply-Säcke zu mindestens 40 Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen, manche zu bis zu 95 Prozent. «Wir könnten auch Säcke aus 100 Prozent nachwachsenden Rohstoffen machen», sagt Feltgen. Aber das sei teuer und die Umweltbilanz nicht unbedingt besser. Wichtig sei, dass die Produkte mehrmals verwendet und dann wieder abgebaut werden könnten – Kreislaufwirtschaft eben.

EU will Plastik verdrängen


Die Politik ist der grösste Treiber des Geschäfts – und das grösste Risiko. Die EU-Kommission macht Druck auf die Kunststoffwirtschaft, um die Produktion und den Verbrauch von Plastik aus fossilen Rohstoffen zu reduzieren und sie durch biologisch abbaubare Materialien zu ersetzen. Sie begründet ihren Vorstoss mit der Verschmutzung der Meere durch Plastik und Plastikteilchen. Trinkröhrli aus Plastik sollen vom Markt verschwinden, andere Produkte werden folgen. Das freut die Natur, aber auch BioApply. 

Eng wird es dagegen, wenn die Politik etwa in der Schweiz das Kind mit dem Bade ausschütten und Einkaufssäcke gänzlich verbieten sollte, unabhängig davon, aus welchem Material sie bestehen. Aber Feltgen ist optimistisch. Biologisch abbaubare Säcke seien eine gute Lösung nicht nur für den Einkauf, sondern etwa auch für Biomüll.  

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