Von der Nische zur Schlüsselbranche und zurück

Bild: lassedesignen

Während heute jedermann über Digitalisierung und Innovation spricht, bewegte vor einem knappen Jahrzehnt Cleantech die Politiker und Unternehmensberater. Das Modewort ist verschwunden. Aber die Themen – erneuerbare Energien und Ressourceneffizienz – sind geblieben.

Es ist noch nicht lange her, da war Bertrand Piccard wohl der bekannteste Schweizer nach Roger Federer. Als der Spross einer Familie von Abenteurern und Entdeckern 2009 mit seinem Solarflugzeug Solar Impulse 2009 erstmals abhob, war die Begeisterung gross. Bundesräte, Politiker fast aller Lager und Unternehmenschefs liessen sich gern mit ihm abbilden. Als Solar Impulse 2 dann 2016 seine zweijährige Weltumrundung beendete, war das Interesse längst abgeflaut.

Cleaner Schub in der Krise
Piccards Flug war das sichtbarste Symbol von Cleantech in der Schweiz. Und so wie ihm erging es Cleantech insgesamt: von einer Nische zur hochgelobten Schlüsselbranche und wieder zurück. Der Aufstieg von Cleantech zum Modethema ist mit der Weltwirtschaftskrise von 2009 verbunden. Regierungen rund um die Welt sahen sich in der Pflicht, den Einbruch der Wirtschaft abzufedern. Und was lag näher, als in eine saubere Infrastruktur zu investieren: erneuerbare Energien, Ressourceneffizienz, klimaneutrale Städte. Bundesrätin Doris Leuthard, damals für die Wirtschaft zuständig, liess eine Exportplattform Cleantech gründen und stattete sie mit 8 Millionen Franken aus. Als sie ins Umweltdepartement wechselte, nahm sie das Thema mit. Ein Masterplan Cleantech des Bundes folgte. Die Kantone der Westschweiz gründeten Cleantech Alps als Förderinstrument vor allem für KMU. Die Greater Zurich Area als Standortmarketingorganisation der Kantone rund um Zürich machte Cleantech zu einem ihrer Schwerpunkte. Einzelne Kantone wie Freiburg legten eigene Programme auf. Und ein paar hundert Unternehmen gründeten den Wirtschaftsverband swisscleantech.

Aus für Exportplattform
Inzwischen ist es ruhiger geworden. Swisscleantech gibt es noch, die Sektion Cleantech im Bundesamt für Energie als «Erbin» des Masterplans auch. Anderswo wird Cleantech kleiner gefahren oder ist ganz aus der Liste der Schwerpunkte gefallen. Die Exportplattform Cleantech ist in Switzerland Global Enterprise aufgegangen, dem offiziellen Schweizer Aussenwirtschaftsförderer. Und Doris Leuthard begeistert sich nun für die Digitalisierung – sie ist ja auch Kommunikationsministerin.

Starkes Wachstum
Das gesunkene Interesse spiegelt nicht ganz die tatsächliche Bedeutung: Die Wertschöpfung des Umweltsektors ist zwischen 2008 und 2016 um 30 Prozent gestiegen, deutlich stärker als die Gesamtwirtschaft. Im Sektor arbeiten immerhin 3,8 Prozent der Beschäftigten in der Schweiz. Gerade die erneuerbaren Energien und die Gebäudeeffizienz erzielen sattes Wachstum. Aber international ist die Schweiz nicht das geworden, was sich Leuthard und andere 2009 erhofft hatten: eine Vorreiterin. Bei den «neuen» erneuerbaren Energien – also ohne Wasserkraft – gehört die Schweiz eher zu den Schlusslichtern in Europa. Bei der Gebäudeeffizienz hat sie es nicht geschafft, ihren hohen Standard – Stichwort Minergie – zu exportieren. Und manche von den einstigen innovativen Cleantech-Unternehmen, die nach 2009 den Wind im Rücken zu haben schienen, sind wieder verschwunden. Das Thema freilich bleibt. Nur spielt die Schweiz global nicht an der Spitze mit.